
Zum Jahrhundertwechsel 2000 präsentierten der englische Komponist Harrison Birtwistle und sein kanadischer Librettist Robin Blaser in Berlin ihre erstaunlich aktuelle Oper über das Letzte Abendmahl: In „The Last Supper“ werden die zwölf Apostel nach zweitausend Jahren erneut zu einem Abendmahl eingeladen. Dabei müssen sie sich nicht nur mit den Schattenseiten der christlichen Geschichte der letzten zweitausend Jahre auseinander setzen und sich der Vergangenheit ihrer Religion stellen. Im Mittelpunkt steht vor allem die Frage nach dem Verrat Jesu – ist Judas der Verräter, für den ihn alle halten? 2006 wurde diese Frage durch den Fund und die Transkription eines möglichen Judas-Evangeliums erneut diskutiert: Ist Judas der Verräter, was hat er verraten, oder war er nicht vielmehr der engste Vertraute Jesu, der Gottes Wille erst ermöglichte?
Christus vereint seine Apostel noch einmal um den Tisch und fordert sie durch die Wiederholung des Abendmahlrituals zu einem Neubeginn auf – wohl wissend, dass die Gefahr eines Verrats immer besteht.
Für Harrison Birtwistle ist das Letzte Abendmahl eines jener großen Themen, die uns heute herausfordern und faszinieren – und die tiefgreifend nur mithilfe der Musik zum Ausdruck gebracht werden können. Dabei lässt er die aktuelle Handlung des erneuten Abendmahls von rückläufigen Visionen auf Jesu Leidensweg durchkreuzen. Der gradlinige dramatische Anfang der Handlung wird nach und nach von musikalischen Zeitschichten überlagert, an deren Ende die Vision eines möglichen Neuanfangs steht.
